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Text Franz Schuh 1
SCHEITERN AM SCHOENEN
Gisela Erlachers Fotografien, als ich sie zum ersten Mal ansah, brachten mich zum Staunen. Der abstrakte Grundsatz für alles, was einem in unserer Kultur zum Staunen bringt, lautet seit altersher: Staunen darüber, dass etwas ist und nicht nichts. Dieses logische und zugleich existentielle Prinzip hat in den Fotos Gisela Erlachers einen gegenständlichen Sinn: Ich staunte darüber, dass es das, was die Fotos zeigen, wirklich gibt.
Aber so einfach kann man es gar nicht sagen, denn zugleich ist das Staunenswerte an den Bildern nichts Außerordentliches. Man sieht etwas Bekanntes, etwas, woran man sich gewöhnt hat, und die Bilder zeigen das Gewöhnliche ohne Dramatisierung, ohne Übertreibung und Überspitzung. Diese Bilder sind genau, präzise und das heißt eben: sie sind nicht übergenau, niemals überzeichnet. Das ist aber eine Kunst, denn die Gegenstände dieser Bilder bieten sich der Satire geradezu an. Der banale, arrogante Spott scheint nur darauf zu warten, sich gegen alles satirisch zur Wehr zu setzen, was diese Bilder zeigen. Dass die Satire ausbleibt, ist eine Stärke, auch eine moralische, von Erlachers Fotografien.
Künstlerisch haben diese Bilder Eigenart ohne Gepränge, paradoxerweise, indem sie vergebliche Bemühungen zeigen, eine Umwelt eigenartig, mit "Stil" zu gestalten. Man sieht, wie diese Versuche, einer Umwelt etwas Unverwechselbares, etwas geradezu Künstlerisches, etwas Schönes hinzuzufügen, scheitern – und das ist eine weitere Kunst dieser Fotografien: Es sind viele Bilder, die man am Ende auch als ein Bild gesehen haben kann.
In Worte gefasst gründet die Einheit dieser Vielfalt in einem verbindenden Element, das ich "Geschmack" nennen möchte. Die Bilder zeigen, wie der gleiche "Geschmack" am Werk ist. Im 18. Jahrhundert hat der Philosoph Kant einen komplexen Begriff von Geschmack entworfen: Danach ist das Geschmacksurteil ein Urteil, das sowohl aus Verstand als auch aus Gefühl gefällt wird.
An Erlachers fotografierten Häusern kann ich diese Dualität gut wieder erkennen: Es ist, sagen mir die Bilder, ein ziemlich konstruktiver Verstand am Werk, um eine Umwelt herzustellen, in der man sich – nach eigenem Gefühl – wohl fühlen kann. Die Objekte strahlen den Willen zum Wohlfühlen ebenso aus wie die (konstruktive) Anstrengung, diesen Willen zu realisieren.
Wie bei jeder Schöpferkraft geht es auch hier darum, die Natur, wenn schon nicht zu unterwerfen, so doch in den Bau miteinzubeziehen. Die miteinbezogene Natur ist – gleichsam zum Zeichen ihrer Unterwerfung – gezähmt. Sie umgibt die Häuser als Dekoration, und was "in der Wirklichkeit" normal ausschauen mag, gewinnt auf diesen Bildern nicht selten etwas Unheimliches: Der menschliche Wille, die Natur in Form ihrer grünen Seiten zu stutzen, wirkt befremdlich. Manche der Fotografien wirken auf mich, als zeigten sie Kultgegenstände, die der Druide gerade auf der Flucht verlassen hat.
Aber keine Angst, man kann es auch ohne solche Visionen sehen: Was zum Beispiel in Schönbrunn, wo die Kaiser wohnten, eine imposante Gartenarchitektur war, hat heute beim Mittelstand und dessen ästhetischen Neigungen schnell etwas aufdringlich Mickriges. Aber ohne Zweifel kann der Mittelstand sich selbst behaupten. Er und auch sein "Stil" haben Durchsetzungskraft und Einfluss.
"Mittelstand" ist allerdings -soziologisch gesehen – eine vage Kategorie. Ich zähle vorwissenschaftlich Menschen dazu, die nicht wirklich reich sind, aber schon gar nicht arm, Menschen, deren Besitzverhältnisse, auch was das symbolische Kapital (also zum Beispiel die Bildung) betrifft, weniger den statistischen Durchschnitt widerspiegeln, sondern viel mehr schon die Wünsche und Utopien, die dieser Durchschnitt hegt, während der Mittelstand sie sich mehr oder weniger erfüllt hat.
Was einmal "die nivellierte Mittelstandsgesellschaft" hieß, ist heute, da der Mittelstand sich plagt und da er (was übrigens für ihn typisch ist) um seine Existenz kämpft, eine der vorherrschenden Utopien geblieben: Das Fernsehen verbreitet Mittelstandsideale, die Schule tut es und wer im Beruf mit seinem Benehmen aus der Mittelstandsrolle fällt, ist ein Misfit, und das sogar für Leute, die selber gar nicht zum Mittelstand gehören.
Ich will auf zwei Behauptungen hinaus: Erstens haben die Geschmacksurteile, die Erlachers Fotografien dokumentieren, nach meiner Ansicht eine soziale, hier "Mittelstand" genannte Verankerung. Und zweitens ist diese Verankerung keine beliebige, sondern der Geschmack, der durch die Abbildung in Erlachers Fotografien zum Vorschein kommt, ist eine der ästhetischen Utopien dieser Gesellschaft.
Das ist selbstverständlich (nur) eine Interpretation und auch andere Interpretationen wären möglich. Mit meiner Interpretation erkläre ich mir, warum Erlachers Fotografien mich faszinieren, das heißt: aus dem gewohnten Schauen herausreißen und mich zu einem erstaunten konzentrierten Blick veranlassen. Aber auch jenseits von Erklärungen haben die Fotografien etwas Faszinierendes. Man kann sagen, sie haben eine Aura. Zu ihrer Aura kommen die fotografierten Objekte nicht dadurch, dass sie gelungen sind. Im Gegenteil: Die Bilder zeigen ein Scheitern am Schönen. Das Schöne ist spürbar ebenso beabsichtigt wie im Resultat verfehlt. Erlachers Fotografien stellen mit großer Sachlichkeit eine Phänomenologie des architektonischen Mißglückens dar.
Das von der Fotografin aufgenommene Missglückte wird selbstbewußt in aller Öffentlichkeit ausgestellt. Solche Häuser und ihre Dekorationen stehen an vielen Orten herum. Man darf daher annehmen, dass der Eindruck von deformiertem Geschmack keineswegs allgemein geteilt wird und schon gar nicht von den Inhabern der gezeigten Bauwerke und Grundstücke: Sie halten sie gewiss für geglückt.
Das Eigentümliche dessen, was die Fotografien zeigen, kommt aus meiner Sicht auch aus dem Eigentum, aus dem Besitz, der dem Mittelstand nicht in Überfülle zur Verfügung steht und der daher besonders gepflegt werden muss. Das Eigentümliche dieser gepflegten Ästhetik kommt nicht zuletzt vom Eigentum, in das man sich einschließt und aus dem man andere ausschließt. Den Draußenstehenden will man wenigstens mit der Fassade, mit der "Äußerlichkeit", Eindruck machen.
Man sieht, Geschmack ist gerade das, worüber man streiten kann. Aber die Fotografin streitet nicht mit Satire oder Polemik. Sie verwendet in ihrer Auseinandersetzung ein Verfahren, das vor allem aus der Literatur bekannt ist: das Zitat. Zitieren ist eine Kunst, also nicht bloß die Wiedergabe von etwas Vorgegebenem. Erlachers Art des Zitierens, die von ihr gewählten Ausschnitte der architektonischen Misere, machen sie erst deutlich. Eine Ästhetik des Hässlichen tut sich auf und lehrt den Betrachter über das zu staunen, was er selber schon oft genug gesehen hat.
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